Vier Monate mit COVID-19

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Mitte März begann der lockdown in Irland. Jetzt ist schon Mitte Juli. Eine erste Gruppe ist wieder da. Aber das COVID-19 ist natürlich noch längst nicht vorbei.

Das Leben der Evangelisch-lutherischen Kirche in Irland hat sich ziemlich verändert in diesen Wochen:

Alle Gottesdienste sind auf youtube zu sehen, das Format von rund 20 Minuten Dauer hat sich bewährt. Waren die ersten Videos noch an einem Stück gefilmt und damit sehr “pfarrerzentriert” (weil ja sonst niemand in die Kirche kommen durfte), setzen wir zunehmend auf zusammengesetzte Gottesdienste mit Beiträgen von verschiedenen Menschen. Einige von uns haben sich die Kenntnisse einfacher Videoschnittprogramme dazu angeeignet. Ich habe dennoch das Kirchengebäude auf neue Art schätzen gelernt: Für meine Frau Larissa und mich ist es wichtig, jeden Sonntag in der Kirche zu sitzen, das Evangelium zu lesen und dabei die Kerzen an zu haben, jenseits aller Geschäftigkeit mit den Videos.

Ein zweites, wichtiges Medium ist ZOOM geworden: Über diese Plattform, bei der man seine Gesprächspartner sehen kann, feiern wir auch Gottesdienste (Thursday Prayer, Abendmahl), nutzen es aber vor allem für den sonntäglichen Kirchkaffee (deutsch und englisch), für Kirchenvorstandssitzungen und sogar für den Deutschen Kaffeemorgen (Beeindruckend, wie viele ältere Menschen bereit und fähig sind, sich den Umgang mit der Technik anzueignen!). Auch ökumenische Begegnungen finden auf zoom statt. Besonders das Dublin City Interfaith Forum ist auf diese Weise lebendiger und intensiver geworden, als es das vorher war.

Viele Telefonate und Emails fördern den persönlichen Kontakt. Gerade in den ersten vier Wochen und um Ostern herum haben viele Menschen großen Redebedarf.

Bei aller Trauer um fehlende Begegnungen zeigt sich ein überraschender Gewinn: Auf einmal können Menschen aus ganz Irland und auch weit darüber hinaus unsere Gottesdienste mitfeiern oder an zoom-Treffen teilnehmen: Auf einmal taucht eine frühere Praktikantin beim Deutschen Kaffeemorgen auf, sind beim Kirchkaffee Menschen aus Nordirland und Deutschland dabei. Beim Thursday Prayer, das vor der Corona-Zeit manchmal nur von drei Menschen besucht wurde, sind auf einmal Menschen aus aller Welt dabei, so eine junge Frau aus Italien, die lange in Dublin lebte und regelmäßig zum Thursday Prayer kam. Ich bin mir sicher, dass manch eines dieser online Angebote auch nach COVID-19 weiter existieren wird. Freilich ist auch das zu sehen: Allmählich entsteht eine Bildschirmmüdigkeit und die Sehnsucht wächst, sich wieder “real” zu begegnen.

Erfreulicher Weise sind die Mitglieder ihrer Lutherischen Kirche in Irland treu geblieben und es sind sogar welche neu dazu gekommen. So haben wir wirtschaftlich gesehen bisher gut überlebt, wenngleich die fehlenden Mieteinnahmen für das Lutherhaus eine erkennbare Lücke bilden.

Jetzt geht es darum, wieder Leben in die Kirche zu bringen: Seit Anfang Juli sind bei den Aufnahmen für den Gottesdienst wieder mehr Menschen in der Kirche. Ab August werden die Sonntagsgottesdienst wieder in der Kirche sein, mit Abstand halten und Maske auf Mund und Nase. Ich sitze noch am Konzept für eine Weiterführung der online-Angebote, denn viele werden gute Gründe haben, das Kirchgebäude vorerst nicht aufzusuchen. Auch die erste Gruppe ist wieder da: Der Goethechor probt im Garten, zunächst Sonntags, mit maximal 25 Personen, und ohne das Ziel eines Konzerts. Das Foto oben ist am 19. Juli entstanden.

Immer wieder frage ich mich, was uns Gott mit dieser Geschichte sagen will. Ganz sicher bin ich mir, dass die Hauptbotschaft ist, dass die Menschheit nicht so weitermachen kann wie bisher: Hemmungsloses Reisen und Konsumieren führt immer mehr in eine ökologische Katastrophe. COVID-19 hat zumindest für eine Zeitlang zu einer Reduktion dessen geführt. Viele Menschen haben auf einmal, mehr oder weniger zwangsweise, die nahe Umgebung kennen gelernt und über manches gestaunt. Eine gute Wahrnehmungsübung ist das.

Eine andere Geschichte ist die Erkenntnis, wie zerbrechlich menschliches Leben ist und wie schnell alles ganz anders sein kann. Dankbarkeit für den Moment, für das Da-Sein, sind Erkenntnisse, die ich nicht mehr missen möchte.

 

 

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